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Bitte Baut Mir Eine Wohnung!

Geschichte über die Suche nach einem Dach über dem Kopf

Weihnachten naht. Und die nasskalte Jahreszeit, die wir uns gerne mit Glühwein und Kaminabenden versüßen, beginnt. Schon Rainer Maria Rilke wusste: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“ und wer jetzt kein Dach über dem Kopf hat, der ist echt arm dran.

Deutschland bildet aus. Und Deutschland bildet sich ein, viel für Bildung zu tun. Pro Jahr fangen laut dem Statistischen Bundesamt rund 500.000 Personen mit einem Studium an, wobei der größere Anteil davon jeweils im Wintersemester startet. Die Studienplätze für das im Oktober 2016 angelaufene Wintersemester wurden im Juli vergeben. Wer glaubt, dass damit der Weg frei ist in die höhere Bildung, der hat sich geirrt. Die Sorge, ob denn der NC für das Wunschstudienfach und einen coolen Studienort reicht, mag vergessen sein. Doch jetzt geht es erst richtig los. Wie findet man eine Wohnung, ein Zimmer ein Eckchen in einer WG, wenn auf jedes Dach über dem Kopf 200 angehenden Studenten stürmen?

Nehmen wir zum Beispiel Paula: Paula kommt aus Berlin. Sie hat im August einen Studienplatz in Münster für Wirtschaft und Politik bekommen und träumt von einem Zimmer in einer Mädels-WG. Seit Wochen verschickt sie Anfragen, telefoniert und fährt 350 Kilometer mit dem Zug, um an WG-Castings teilzunehmen. Ein Termin ist dabei schon ein Erfolg. Wer nicht in den ersten 10 Minuten auf den gängigen Internetportalen wie „WG-gesucht“ auf eine Anzeige reagiert, bekommt meist gar keine Antwort mehr. Nach drei Wochen erfolgloser Suche bewirbt sie sich auch auf Zimmer, die 50 Euro pro Quadratmeter kosten und geht zu jeder Einladung, die sie bekommt. Montagabend sitzt sie Franz, Friedrich und Jon gegenüber, drei jungen Männer oder besser jungen Chaoten. Sie wollen unbedingt eine Frau in ihre Männerdomäne aufnehmen. Die Wohnung ist ein einziges Durcheinander und dreckig. Wird hier vielleicht eine Putzfrau gesucht? Paula geht. Dienstag ist sie bei Luci und Charlotte. Dort darf man nur Techno-Musik hören. Mittwoch fragen Gudrun und Anna nach ihrer politischen Gesinnung und Donnerstag sitzt Paula wieder entnervt im Zug nach Berlin. Auch Makler sind keine Hilfe und Studentenwohnheime haben ellenlange Wartelisten. Paula ist kein Einzelfall. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp in Ballungszentren und überall dort, wo man gut leben, arbeiten und studieren kann. Das Internetportal www.studenten-wg.de hat alle Wohnungsanzeigen für Münster aus ihrem Wohnungsmarkt ausgewertet und kommt zu folgenden Ergebnis: Der durchschnittliche Quadratmeterpreis liegt in Münster für ein Zimmer bei 14,64 Euro pro Quadratmeter, für zwei Zimmer zahlt man 11,05 Euro pro Quadratmeter. Die Durchschnittsmiete für ein WG Zimmer beträgt 331,85 Euro warm. In anderen Städten sind die Zahlen ähnlich.

Studieren ist also ein teurer Spaß. Wie ist das mit der vielgepriesenen Wichtigkeit von Bildung?

Jahrelang wurde behauptet, dass unsere Bevölkerung schrumpft. Inzwischen wissen wir, dass das Gegenteil der Fall ist. Von 2011 bis 2015 sind wir um 1.800.000 Menschen gewachsen. Und trotz dieser Erkenntnisse wird für den Wohnungsbau viel zu wenig getan.

Die Zahlen zeigen, dass sich das vorhandene Wohnungsdefizit immer weiter vergrößert und durch die vorhandenen Zuwanderungsströme noch weiter erhöht wird. Im Prinzip müssten jährlich rund 400.000 Wohnungen neu gebaut werden. Doch die Politik kommt den Forderungen der Immobilien- und Baubranche nur in kleinen Schritten entgegen. Anstatt Förderungsinstrumente einzusetzen, verliert sie sich in Machtspielen innerhalb der Großen Koalition.

Aber unsere Geschichte geht gut aus. Paula hat Glück. Sie findet doch noch kurz vor Studienbeginn, Anfang Oktober, ein Zimmer in einer 2er WG. Ihr Mitbewohner studiert schon länger in Münster und ist sehr nett, der Vermieter hilfsbereit und ein begeisterter Münsteraner. Das Zimmer ist 15 Quadratmeter groß und kostet warm 315 Euro. Das sind 21 Euro pro Quadratmeter! Aber sie hat ein Dach über dem Kopf und fühlt sich wohl.

Eine Kerze steht auf dem Schreibtisch. Nun kann Weihnachten kommen.

Beitrag von: Franziska Plesser

Bildquelle: animaflora

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