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Was War – Was Kommt? Meinungen, Statements, Fragen, Antworten

Im Rahmen des ersten Forums Zukunft Trockenbau und Ausbau 2017 wurden die Teilnehmer von Professor Jochen Pfau und Unternehmerin und BIG Mitglied Stefanie Wäntig mit einem Vortrag, der Ein- und Ausblicke in die Branche gab, begrüßt. Hier haben Sie Gelegenheit, ihre Fragen und Antworten noch einmal  nachzulesen.

Jochen Pfau: Liebe Stefanie, wir stehen hier vor einem gut gefüllten Saal. Dennoch weiß ich von dem einen oder anderen Fachunternehmer, dass er aufgrund der guten Auftragslage nicht kommen konnte. Kannst du das bestätigen? Sind die Unternehmen tatsächlich so ausgelastet?

Perspektive Wohnungsbau

Stefanie Wäntig: Ja, das stimmt. Die Auftragslage in der Bauwirtschaft ist aktuell wirklich sehr gut. Solche Auftragsbestände gab es zuletzt im Jahre 1995. Wir können zurzeit also sehr positiv in die Zukunft blicken. Zu nennen sind hier folgende Faktoren: Nach den Jahren des Stillstands ist der Wohnungsbau zu einem Motor in unserer Branche geworden. Die Bevölkerung wächst erstmalig wieder, so dass neue  Wohnungen gerade in den Ballungszentren benötigt werden. In Deutschland fehlen 1,5 Millionen Wohnungen und die Niedrigzinsphase führt dazu, dass auch Anleger verstärkt in den Wohnungsmarkt investieren möchten. Einziger Wehrmutstropfen in dieser Situation ist, dass sich die Preise in unserer Branche nicht entsprechend der Auftragslage entwickeln. Siehst du das auch so, Jochen?

Qualität als Kriterium

Pfau: Der Trockenbau hat auf jeden Fall derzeit die Chance, generell stärker im Wohnungsbau Fuß zu fassen. Das bewerte ich sehr positiv.  Im Zusammenhang mit den Themen sozialer Wohnungsbau oder Wohnungen für Flüchtlinge sehe ich aber auch die Gefahr, dass durch den Wunsch nach schnellem und kostengünstigem  Bauen ein negativer Einfluss auf die Qualität und die Standards ausgeübt werden könnte.  Hier muss man aufpassen, denn schnelles und kostengünstiges Bauen erfordert ganz besondere Planungsqualität für die Einhaltung der  Ausführungsqualität und Mangelfreiheit trotz geringen Kosten. Das wiederum bedeutet, dass  wir qualifizierte Monteure und Bauleiter benötigen. Wie bewertest du denn das Thema Nachwuchs?

Nachwuchs im Trockenbau

Wäntig: Ich denke, es ist bekannt, dass auch unsere Branche mit dem Fachkräftemangel stark zu kämpfen hat. Dafür sind gleich mehrere  Faktoren verantwortlich: Durch den Aufschwung werden mehr qualifizierte Facharbeiter benötigt. Die sind derzeit nicht vorhanden und die Firmen arbeiten bis zur Belastungsgrenze und müssen Aufträge sogar absagen. In den kommenden Jahren werden viele erfahrene und gut qualifizierte Fachkräfte altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden. Das wird den Bedarf noch einmal erhöhen. Für dieses riesige „Loch“ Nachwuchs zu finden ist sehr schwer, da der Beruf des Trockenbaumonteurs nicht so bekannt ist und auch nicht im Trend liegt. Dazu kommt, dass unsere Branche auch nicht den besten Ruf hat. Das ist aber falsch, denn die Jugendlichen unterschätzen die Möglichkeiten  einer Berufskarriere im Handwerk. Hier müssen wir aktiv werden, mehr aufklären und das Berufsimage verbessern, so dass die  Trockenbaubranche als das wahrgenommen wird, was sie ist, nämlich als Leitgewerk auf der Baustelle. Natürlich gibt es auch schon  Aktivitäten in diesem Bereich. Der BIG baut verbandsübergreifend gerade eine Ausbildungsplattform auf. Alle Informationen zu Aus- und Weiterbildung im Trockenbau und Ausbau werden darin enthalten sein und es wird einen umfassenden Einblick in die Branche geben. Sinnvoll wäre aus meiner Sicht sicherlich, die Meisterausbildung im technischen Trockenbau, wie etwa dem Brandschutz wieder einzuführen. Denn durch die Meisterfreiheit kam es zu einem dramatischen Einbruch bei der Ausbildung in unserer Branche. Was kannst du denn in diesem Zusammenhang von den Hochschulen berichten?

Trockenbau im Studium

Pfau: Es gibt schon Hochschulen wie Rosenheim oder Darmstadt, die im Trockenbau sehr aktiv sind. Das Studium Innenausbau  beispielsweise an der HS Rosenheim als duales Studium gibt die Möglichkeit zur Weiterqualifikation. Solche Aufstiegsmöglichkeiten machen den Bereich Trockenbau natürlich interessant, auch für Abiturienten. Aber die Frage bleibt: Wer geht danach in den Trockenbau und bleibt der Branche erhalten? Gute Auszubildende machen oft im Anschluss noch ein Studium und gehen dann in die Planung oder zur Industrie. Wichtig ist meines Erachtens auch, den Trockenbau mehr in der Architektenausbildung und der Ausbildung der Bauingenieure zu  verankern. Hier gibt es bereits verschiedene Ansätze, wie zum Beispiel die Hochschulinitiative „Moderner Aus- und Leichtbau“, getragen von verschiedenen Verbänden wie BV Gips, ZDB, BIG, WIR e.V., Bauindustrie und so weiter. Hier sind bereits elf Hochschulen im Netzwerk vertreten und es ist gelungen, einen Wissenspool mit etwa 800 Folien zum Download auf der Internetplattform www.hochschultag.com  aufzubauen. Zusätzlich soll im nächsten Jahr noch ein Hochschulwettbewerb ausgelobt werden. Zielführend für die fachliche  Grundqualifikation der zukünftigen Planer sind nach meiner Auffassung darüber hinaus auch die gezielten Angebote erfahrener Trockenbauprofis aus der Industrie, also Vorlesungen oder Kleinprojekte. Leider hat die Knauf Akademie entsprechende Aktivitäten  eingestellt. Glücklicherweise sind die erfahrenen und untereinander vernetzten Referenten aber weiterhin mit Unterstützung der Firma  Rigips aktiv. Aber wie bewertest du denn das Fachwissen der Fachplaner aus unternehmerischer Sicht?

Fachplaner und Bau

Wäntig: Ich muss sagen, dass die Situation derzeit so ist, dass die Planer erst auf den Baustellen das Gewerk Trockenbau und Ausbau  erlernen und das ist einfach zu spät. Da finde ich, dass der von dir bereits erwähnte Hochschultag, den der BV Gips, BIG, ZDB mit noch   anderen Verbänden ins Leben gerufen haben, ein sehr guter Anfang ist, um Architekturstudenten mit der Ausbaubranche in Kontakt zu  bringen. Wir Unternehmer und viele unserer Industrie- und Handelspartner stehen dort den Universitäten als Tutoren zur Verfügung. Man  muss fairerweise aber auch erwähnen, dass es durch die immense Anzahl an herstellerspezifischen Systemen und dem Rückgang genormter  Standards auch für den Planer nicht einfacher geworden ist, den Überblick zu behalten. In diesem Zusammenhang würde mich interessieren, wie du die Entwicklungen im Bereich Normung und Systemwelten bewertest?

Normen und Systeme

Pfau: In der Tat ist es ein Problem, sowohl in der Ausbildung der Planer und Ingenieure als auch für den Handel und Ausführenden, dass  selbst einfache Standardsysteme – Beispiel F 30 Flurwand – inzwischen herstellerspezifische „Sondersysteme“ geworden sind. Bei den  niedrigen Preisen für Standardsysteme kann die an sich erforderliche Überwachung der exakten baulichen Übereinstimmung mit den  Verwendbarkeitsnachweisen von der Bauleitung unter wirtschaftlichen Aspekten kaum noch geleistet werden. Immerhin ist im Bereich der Brandschutznormung im Rahmen der Überarbeitung der DIN 4102-4 ein erster Schritt hinsichtlich der Aufnahme baupraktisch relevanter Standardsysteme eingeleitet worden. In der im Entwurf vorliegenden Ergänzung A1 zu dieser Norm werden zum Beispiel auch Trockenbauwände mit praxisüblichem Aufbau, d.h. ohne Steinwolle, aufgenommen sowie Konstruktionsdetails für Anschlüsse und  Einbauten. Leider wurde hierbei nach meiner Auffassung die Chance einer noch breiteren Standardisierung von der Trockenbauindustrie verpasst. Aufgrund der unbefriedigenden Situation in der Normung und in den Systemwelten, hat sich auch der Verein WIR e. V. gegründet. Dieser bündelt die Interessen der Händler und Fachunternehmer und ist ein starker Gesprächspartner gegenüber den drei Großen der  Gipsindustrie. Inhaltliche Themen sind „Normung /Systemwelten“; aber das ist nur ein Punkt von vielen. Darüber hinaus geht es auch um Ausbildung und Nachwuchs, Qualität und BIM. Apropos BIM? Ist BIM schon in deinem Unternehmen angekommen?

Planen mit BIM

Wäntig: BIM ist die Abkürzung von Building Information Modeling und bedeutet zu Deutsch Bauwerksdatenmodellierung. Es beschreibt also eine Methode der optimierten Planung und Ausführung von Bauwerken mit Hilfe von Software. Wir hatten selbst schon ein BIM Projekt und das war eine spannende und interessante Erfahrung. Ich bin aber der Meinung, dass BIM derzeit beim komplexen Trockenbau an seine Grenzen stößt. Wir hatten gedacht, dass durch BIM die Abrechnung einfacher werden würde. Es war aber schwierig, hier die Aufmaßregeln  der ATV-DIN 18340 in der Software anzuwenden. In der Planung hat BIM meiner Meinung nach durchaus seine Berechtigung – sofern die  Architekten, Tragwerksplaner und Haustechnikplaner alle miteinander das Projekt mit Daten füttern. Insgesamt habe ich aber das Gefühl, dass BIM von einer Lobby aus Softwareherstellern und der Bauindustrie vorangetrieben wird. Die großen Baufirmen führen überwiegend ihre Bautätigkeiten als Generalunternehmer durch und beauftragen für die verschiedenen Bauleistungen Nachunternehmen. Diese großen  Unternehmen haben die Kapazitäten, die BIM in ihren Abläufen einzubinden. Wenn also die BIM verpflichtend wird, dann können die kleineren und mittleren Fachunternehmen ihre bewährten Strukturen und Arbeitsmethoden nicht mehr selbst bestimmen. Damit auch die kleineren und mittleren Fachunternehmen sich weiterhin an der Angebotsabgabe beteiligen können, ist es wichtig, dass die Leistungen in Fachlose zerlegt werden. Hier müssen wir als Verband daran arbeiten, dass auch unsere Bedenken, Belange und Ausführungen zur BIM  gehört werden. Jochen, wie siehst du das, im Bereich der Industrie und der Planer?

Pfau: Ich halte BIM auch für ein wichtiges Thema insbesondere für die Industrie und die Planer. Wir haben es daher in Rosenheim auch als    Lehrinhalt aufgenommen. Insgesamt habe ich aber den Eindruck, dass BIM aktuell noch auf einer sehr oberflächliche Ebene (als  Planungstool) läuft und noch nicht geeignet ist, Schnittstellen konfliktfrei zu lösen. Somit ist es noch weit vom ursprünglichen Ziel entfernt. Wer unterstützt die Fachunternehmer eigentlich in der Branche bei derartigen Entwicklungen?

Unterstützung durch den BIG

Wäntig: Hier sollte man als erstes die Verbände WIR e. V. und BIG nennen. Auf den WIR sind Sie ja schon eingegangen und ich bin der  Meinung, dass er durch die eigenen Brandschutzprüfungen eine mögliche Grundlage zur Normerweiterung geschaffen hat. Nun bleibt abzuwarten, wie es weitergeht. Der BIG unterstützt die Unternehmer in vielfältiger Form und gibt praktische Hilfen. Ich kann jetzt hier unmöglich alles aufzählen, aber es gibt beispielsweise Arbeitskreise zu Themen wie Brandschutz, Bauleiterhaftung oder gestörtem Bauablauf. Hier haben wir als Unternehmer die Möglichkeit, uns in kleiner Runde auszutauschen und mit den begleitenden Rechtsanwälten und  Sachverständigen Lösungen zu erarbeiten. Darüber hinaus gibt es auch das BIG Qualifizierungssystem, bei dem unter anderem auch die  Baustellenüberwachung im Rahmen einer Mitgliedschaft in der RAL Gütegemeinschaft Trockenbau vorgenommen wird. Es ist wichtig, dass  sich Unternehmen qualifizieren, sich regelmäßig schulen und ihren Qualitätsansatz auch nach außen hin kommunizieren. Der BIG und die  Gütegemeinschaft geben darüber hinaus im Zusammenhang mit den Arbeitskreisen und dem technischen Arbeitskreis von der  Gütegemeinschaft und dem BIG sehr sinnvolle und alltagstaugliche Merkblätter heraus.

Ausblick

Pfau: Man sieht, es hat sich einiges getan und es ist zu erwarten, dass es auch im nächsten Jahr spannend weiter gehen wird. Auf dem  nächsten Forum Zukunft Trockenbau in zwei Jahren wird es sicher wieder viel neues und interessantes zu berichten geben. Der Trockenbau  ist und bleibt eine sehr innovative Branche, das Forum bietet in idealer Weise die Chance, am Ball zu bleiben und stellt natürlich in den  Vorträgen oder der Werkstatt Trockenbau auch technische Neuerungen und Produktinnovationen etc. vor. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine interessante Veranstaltung, spannende Vorträge aber auch informativen Austausch, gute Gespräche, erfolgreiches Netzwerken auf der Tagung und eine schöne Abendveranstaltung.

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